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Wo?

Dt. Schiefertafelmuseum
Herrmann Söllner Stiftung
Lauensteiner Straße 44
96337 Ludwigsstadt

Öffnungszeiten

Wir sind für Sie da:
Di-So von 13-17 Uhr
Führungen außerhalb dieser Zeiten sind auf Anfrage möglich.

Preise

Erwachsene: 4,00 €
Familie: 8,50 €
Kinder: 1,50 €
Gruppen (ab 10 P): 3,00 €

1. Wie der Schieferbeisser sein Haus verlor

Hoch oben im Norden von Bayern liegt der Frankenwald. Und im nördlichsten Eckchen ebendieses Frankenwaldes passieren ganz wunderbare Dinge. Hier gibt es noch dichte, tiefe Wälder, in denen man - wenn man ganz still ist - Elfen und Wichtel und Feen hören kann. Und manchmal, wenn man genau hinschaut und die Augen ein bisschen zusammenkneift sieht man sie sogar. Also wenn man genau um dreiviertel vor viertel durch den Wald spaziert. Und dabei auf einem Bein hüpft. So erzählen es zumindest die, die es wissen müssen. Natürlich nur im Sommer. Denn im Winter, ja im Winter, wenn alles ganz dick mit Schnee bedeckt ist, im Winter schlafen die Elfen und Wichtel und Feen. Deswegen ist das ja auch die stille Zeit. Kein glockenhelles Lachen, das durch die dichten Wälder hallt. Kein Knabbern, das hinter der großen Lärche leise ertönt. Nichts. Aber schläft denn wirklich alles und jeder im Wald? Nein, natürlich nicht. Die Rehe und Wildschweine sind ja trotzdem noch da und hinterlassen ihr Spuren in der Winterlandschaft. Und ganz versteckt zwischen den dichtesten Fichten, neben einem großen Hügel leuchtet ein Fensterlein und raucht ein winzig kleiner Schornstein. Hier wohnt ein putziges Männchen mit großen Augen und noch größeren, spitzigen Zähnen. Seine Füße sind blau-weiß gestreift, genau wie sein rechtes Ohr. Das ist leider ein bisschen kurz geraten und gar nicht so schön lang und dunkelblau wie sein linkes. Dafür ist sein rechter Zahn aber der schönste und größte im ganzen Frankenwald. Zumindest hat er noch keinen schöneren und größeren gesehen. Dieses Männlein ist ganz dunkelblau, genau wie seine Leibspeise. Und dafür braucht es auch die spitzigen Zähne. Sind es Nüsse? Oder Tannenzapfen? Oder vielleicht sogar Schokolade? Nein!

Am allerliebsten, also wirklich fürchterlich gerne, knabbert und knuspert das blaue Männchen am Schiefer. Was? An dem Stein? Genau an dem! Deshalb braucht es ja auch die spitzigen Zähne. Denn so ein Schiefer kann ganz schön schwierig zum Abbeißen sein. Dafür schmeckt er dem Männlein aber ganz hervorragend. So ein Schiefer hat ganz viele Schichten, deshalb können ihn die Schieferdecker ja auch als dünne Platten auf Dächer legen. Und für das Männlein schmecken diese Schichten wie Vanille und Heidelbeeren und Schokolade und Apfelstrudel und was man sich alles so vorstellen kann. Jeder Stein schmeckt ein bisschen anders, weil jeder Stein ja auch eine unterschiedliche Schichtung hat. Für den Winter hat er immer einen Vorrat an feinstem Thüringer Blauen Stein in seinem Keller. So kann er, wann immer er Hunger hat, einen Happen von seinem Lieblingsessen abknabbern. Es ist also alles wunderbar für das Männlein. Ein warmes Häuschen, ein Keller voll mit dem leckersten Schiefer und weit und breit niemand, der ihn stört. So ein Schieferbeisser ist nämlich ein richtiger kleiner Einsiedler. Deshalb wohnt er auch so tief im Wald, damit ihn ja niemand findet. Und damit keiner seinen Schiefer wegfuttert.

Am letzten Samstag aber, da ist dem Schieferbeisser ein Unglück passiert. Eine richtige Katastrophe sogar. Am letzten Samstag hatte heftig gestürmt. Der Wind fegte durch den Wald, laut und wütend. Er riss Äste ab und knickte sogar ganze Bäume um. Die Rehe waren richtig eingeschüchtert und kuschelten sich aneinander und selbst die Wildschweine, die ja sonst ziemlich angaben, hatten sich unter den großen Felsvorsprung verzogen. Der Schieferbeisser hatte aus seinem Fenster in den Wald geblickt und vergnügt einen Happen Schiefer geknuspert. Diesmal hatte der Schiefer wie Popkorn geschmeckt. Mmmh, lecker! Als er den tanzenden Schneeflocken zuschaute, knarzte es mit einem Male verdächtig laut. Der Schieferbeisser konnte das beim ersten Mal gar nicht hören, weil er gerade besonders hingebungsvoll auf seinem Abendessen herum kaute. Das zweite Knarzen aber, das hörte er auch und er blickte nun nicht mehr vergnügt, sondern besorgt nach draußen. Hoffentlich blieb seine Lieblingsfichte heil. Die Fichte ist der Baum, den es am häufigsten im Frankenwald gibt. Sie wächst schnell und man kann das Holz für allerlei Sachen gebrauchen. Und aus den frischen Trieben kann man sogar eine leckere Süßigkeit herstellen. In dieser Nacht aber, da dachte der Schieferbeisser nicht an den Fichtenspitzenhonig oder an den schönen Schaukelstuhl aus Holz, den er im Sommer vor sein Häuschen stellte. Am letzten Samstag, da dachte er sorgenvoll an seinen Lieblingsbaum, der unter dem Sturm ächzte und knarzte. Und mit einem Male passierte es. Ein Krach, als würde ein Schuss abgefeuert. Sekunden später bebte der Fußboden und das ganze Häuschen vibrierte und wackelte.

Der Schieferbeisser schaute nach oben und sah gerade noch, wie sein Dach auseinanderbrach und er mit einem Mal Schnee auf seinen Ohren merkte. Das gestreifte Ohr wurde schneller kalt, als das blaue. Gottseidank war es viel kürzer, so wurde es dem Schieferbeisser nicht ganz so schnell frostig zumute. Ein großer Ast war auf sein Häuschen gefallen und hatte das Dach entzwei gehauen. Das ganze Wohnzimmer war mit Holzsplittern, Fichtennadeln und Schnee bedeckt und ein ungemütlich kalter Wind johlte um das kleine Männlein herum. Dem Schieferbeisser wurde ganz bang zumute. Über ihm sanken dicht an dicht dicke Schneeflocken herab, die schnell eine Decke auf seinem Wohnzimmerfußboden bildeten. Sein Kamin zischte und rauchte und ging schließlich ganz aus. Es knarzte und krachte wieder und er ahnte, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Er spürte einen scharfen Luftzug und wurde komplett in eine Wand aus weißem, eiskalten Schneenebel eingehüllt. Gerade konnte er noch seinen Schal und seine Mütze schnappen und aus seinem Häuschen flüchten, als der Waldboden anfing zu beben. Seine Lieblingsfichte war in der Hälfte entzwei geknickt. Die Spitze des mächtigen Baumes war direkt auf sein Häuschen gefallen und hatte nichts als einen riesigen Haufen Schnee hinterlassen.

Dem Schieferbeisser trieb es die Tränen in die Augen. Was sollte er jetzt nur machen? Es war eisig kalt und er konnte doch nicht den ganzen Winter in einem Iglu wohnen! Und wie sollte er an seine Leibspeise gelangen? Solange noch Schnee lag, gab es kein Durchkommen zu seinem Keller. Und im Frühling würde er als erstes einmal das große Stück Baum wegräumen und sein Häuschen reparieren müssen. Oh, dem blauen Männchen wurde ganz Bange zumute. Er hatte noch nie von einem Schieferbeisser ohne Häuschen gehört. Oder ohne Schiefer. Seine Mütze und sein Schal würden ihn nicht über den Winter bringen. Und wo sollte er sich hinkuscheln, wenn er müde würde? Eine große Träne kullerte dem Schieferbeisser aus dem linken Auge. Er seufzte tief und schniefte laut auf. Dann würde er sich wohl ein neues Winterquartier suchen müssen. Er schüttelte sich einmal, richtete sich dann gerade auf und wischte sich die Träne aus dem Auge. Ein letzter Blick zurück und dann machte sich das Männlein auf den Weg. Wohin? Das wusste er selbst noch nicht.

...nächste Folge in Kürze!

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